Auf die Gesundheit

Den Tag beschließen: Das Glas Wein am Abend

Genussmenschen beschließen den langen, oft stressigen Arbeitstag gerne mit einem Glas Rotwein. Und das mit gutem Gewissen, denn es ist allseits bekannt, dass ein Glas Rotwein am Abend gesund sei. Doch dieser Mythos vom gesunden Alkohol scheint fast zu schön um wahr zu sein, und so beschäftigen sich seit Jahren immer wieder neue Studien mit dem ewigen Streitthema: Wie gesund ist das berühmte Glas Rotwein denn nun wirklich?

Das gesunde Glas Rotwein – Ursprung des Mythos

Ursprung des beliebten Volksglaubens ist eine These, die 1979 in der medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlicht wurde. Darin hieß es, dass regelmäßiger – und wohl gemerkt gemäßigter – Alkoholkonsum schützend auf das Herz wirke.

Bis heute belegen regelmäßig durchgeführte Studien die durchaus gesundheitsfördernde Wirkung gemäßigten Alkoholkonsums. Eine Analyse epidemiologischer Daten von Dharam P. Agarwal von der Universität Hamburg aus dem Jahr 2002 ergab, dass Männer, die ein bis zwei Gläser Alkohol am Tag zu sich nehmen, ein geringeres Risiko für tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse aufweisen als Studienteilnehmer, die völlig abstinent leben. Andererseits konnte man beobachten, dass dieses Risiko wiederum ansteigt, wenn die Menge des Alkoholkonsums sich erhöht. Folglich könnte man anhand dieser Ergebnisse davon ausgehen, dass der gemäßigte Alkoholkonsum die gesündeste Lebensweise darstellt.

Die gesundheitsfördernde Wirkung des Alkohols

Es stellt sich natürlich die Frage, inwieweit regelmäßiger Alkoholkonsum die Gesundheit positiv beeinflussen kann. Mediziner gehen von davon aus, dass Alkohol sich positiv auf:

  • den Cholesterinspiegel
  • die Blutgerinnung
  • die Insulin-Empfindlichkeit
  • den Östrogen-Spiegel und
  • die Stressverarbeitung auswirkt.

Vereinfacht ausgedrückt verschlechtert Alkohol zunächst die Blutgerinnung. Dies bewirkt, dass Arterien weniger zu Verstopfung neigen, was bekanntermaßen nicht selten Ursache von Herzinfarkten und anderen Herzerkrankungen ist. Auch konnte eine erhöhte Konzentration des schützenden HDL-Cholesterins sowie eine Verringerung der Oxidation zum LDL-Cholesterin festgestellt werden.

Liebhaber des Rotweins haben sich jahrzehntelang durch solche Studienergebnisse bestätigt gefühlt. Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille.

Herzschützende Wirkung des Rotweins ein Mythos?

Es ist wahrscheinlich zu schön um wahr zu sein. Neuere Studien fördern immer wieder die Erkenntnis zutage, dass die viel beschriebene gesundheitsfördernde Wirkung des täglichen Glases Rotweins nicht belegt werden kann. So stellten Tschechische Wissenschaftler der Universitäten Olmütz und Prag in ihrer Studie „In Vino Veritas“ von 2014 lediglich einen positiven Einfluss auf den Herz-Kreislauf-Apparat der Probanden fest, die zu dem sehr moderaten Weingenuss auch mindestens ein- bis zweimal in der Woche Sport trieben. Teilnehmer, die täglich Alkohol konsumierten – ebenfalls in gemäßigten Mengen – aber keinen Sport trieben, zeigten keine positive Veränderung. Daraus ließe sich also schließen, dass zum einen Alkoholgenuss allein – ob nun gemäßigt oder nicht – nicht den viel beschriebenen gesunden Effekt hat, den man ihm gerne zusprechen möchte. Zum anderen mag man jedoch gleichzeitig hoffen, dass gemäßigter Weingenuss zumindest auf Sportler eine gesundheitsfördernde Wirkung hat, oder anders ausgedrückt, dass die Inhaltsstoffe des Alkohols die positive Wirkung, die die Ausübung einer Sportart auf den menschlichen Organismus hat, verstärkt. Dies könnte wenigstens einen Teil des Mythos bestätigen. Es ist hierbei jedoch nicht bewiesen, ob der bessere Gesundheitszustand dieser Probanden nicht auf ihre insgesamt gesündere Lebensweise zurückzuführen ist. Und damit wäre man bei dem grundlegenden Problem solcher wissenschaftlichen Studien angelangt.

Das Problem bei den Studien

Das Problem besteht darin, dass unzählige andere Faktoren der Lebensweise der Studienteilnehmer nicht berücksichtig werden. Ebenso wenig wird der medizinischen Vergangenheit größere Beachtung geschenkt. Dabei ist der Gesundheitszustand eines Menschen auf die Summe aller großen und kleinen Sünden zurückzuführen. So wird beispielsweise bei dem Vergleich zwischen Menschen, die gemäßigt Alkohol konsumieren, und totalen Abstinenzlern nicht berücksichtigt, aus welchem Grund der jeweilige Studienteilnehmer abstinent lebt. Darunter fallen nach Meinung einiger Forscher gerade häufig Menschen, die aufgrund bestehender gesundheitlicher Probleme auf Alkohol verzichten, ebenso wie ehemalige, trockene Alkoholiker. Dass die Ergebnisse über den Zusammenhang von Abstinenz und körperlicher Verfassung in solchen Fällen wenig aussagekräftig sind, versteht sich von selbst. Des Weiteren ist auch die Gruppe derer, die gemäßigt Alkohol trinken, nicht nur auf das Glas Wein am Abend zu reduzieren. Menschen, die beispielsweise guten Wein zu schätzen wissen und sich somit gerne am Abend etwas davon genehmigen, pflegen sich Umfragen zufolge generell ausgewogen und gut zu ernähren, nehmen sich Aus- und Erholungszeiten und zeigen sich selbst gegenüber eine gewisse Achtsamkeit. Der allgemein bessere Gesundheitszustand dieser Menschen ist insofern auch hier die Summe aus ihren Lebensgewohnheiten und nicht ausschließlicher Verdinest des konsumierten Alkohols.

Zu guter Letzt lassen sich im Alkohol enthaltene Gifte nicht schönreden. Vor allen Dingen der Stoff Acetaldehyd, der beim Abbau des Körpers entsteht belastet die Leber und steigert den Vitaminbedarf eines Menschen. Kritische Faktoren wie drohende Leberschäden, Suchtgefahr sowie die durch Studien belegte Begünstigung von Krebserkrankungen seien außen vorgelassen, wenn man von einem moderaten Alkoholkonsum ausgeht. Es ist jedoch nicht erwiesen, dass auch bei gemäßigtem, jedoch regelmäßigem Konsum der Körper nicht belastet wird.

Gesundheitsfördernde Antioxidantien, auf die sich die Mär des gesunden Glases Wein stützt, sind unabhängig vom Alkohol und können ebenso in Form von Trauben oder Traubensaft bedenkenlos zu sich genommen werden. Es stellt sich also die Frage, inwieweit es denn Wein sein muss.

Das Fazit

Eine gesunde Lebensweise kann auch ohne Alkohol auskommen. Allerdings lässt sich auch nicht beweisen, dass gemäßigter – hierauf liegt die Betonung – Alkoholkonsum schädlich ist. Das Glas Rotwein am Abend dient vor allen Dingen einem: dem Genuss. Und da schließt sich der Kreis und auch die Beweiskette der Weintrinker, denn psychologisch betrachtet sind Genussmenschen oft glücklicher. Zufrieden und entspannt den Abend zu beschließen, zu reflektieren und sich dem Genuss hinzugeben wirkt sich auch positiv auf die Gesundheit aus. Aus diesem Grund sei jedem ein Glas Wein am Abend gegönnt.